Mittwoch, 26. Oktober 2011

"Auf den Spuren von Tim und Struppi" von Michael Farr [Rezension]



Im Verlauf des letzten Monats habe ich die Alben der Comic-Reihe "Tim und Struppi" vorgestellte und meine Eindrücke von den einzelnen Geschichten dargelegt. Auch habe ich dabei ein wenig der Hintergründe beleuchtet, die zum Entstehen der einzelnen Bände geführt haben. Wer jedoch noch mehr über Hergé, Tim, Struppi, Haddock, Bienlein und so weiter erfahren möchte, dem sei das Buch "Auf den Spuren von Tim und Struppi" von Michael Farr empfohlen.

In seinem Buch geht Michael Farr der “Lebensgeschichte” des Comic-Helden nach. Dabei erfährt man nicht nur, welche Impulse Hergé zu den einzelnen Abenteuern inspirierten, sondern auch einige der nicht so angenehmen Seiten, die Verdächtigungen nach dem 2. Weltkrieg, er sei ein Kollaborateur gewesen oder seine Zusammenbrüche, weil der Stress zu viel wurde. Manches fällt einem erst auf, wenn ein Album in den entsprechenden Kontext gestellt wird, so zum Beispiel, dass “König Ottokars Zepter” in seiner Handlung die Invasion von Nazi-Deutschland in Polen vorwegnahm. Es wird dabei auch klar, warum Hergé schon früh dazu überging, solche kritischen Handlungen in imaginäre Länder zu verlegen: Syldavien und Bordurien (wie in “König Ottokars Zepter”), Sondonesien (wie in “Flug 714 nach Sidney”) oder San Theodorus (wie in “Der Arumbaya-Fetisch” und “Tim und die Picaros”).

Auch bekommt man einen Eindruck davon, wie Hergé selbst beim Erstellen der Geschichten dazulernte. Von einem Menschen, der im Belgien der Kolonialzeit aufgewachsen war, musste er entdecken, dass die Europäer dem Rest der Welt nicht so überlegen waren, wie sie immer dachten. Das führte beispielsweise dazu, dass er in “Der Blaue Lotos” eine pro-chinesische Haltung einnahmen, gegen die Japaner, die zu der Zeit (1934) eine Invasion der Mandschurei, einem Teil Chinas, durchführten. Während Europa, sofern es sich überhaupt für die Ereignisse so weit weg von zu Hause interessierte, eine Haltung Pro-Japan einnahm, führte Hergés Freundschaft zu dem Chinesen Tschang Tschong-Jen dazu, dass dieser einen anderen Blickwinkel bekam und Japans imperialistische Bestrebungen in seinem Comic aufdeckte. Tatsächlich protestierten japanische Diplomaten bei der belgischen Regierung in Brüssel gegen diese Darstellung, aber davon ließ sich der Autor nicht beeindrucken. Später gab er in einem Interview zu, bevor er Tschang Tschong-Jen kennengelernt hatte, sei China für ihn “von gesichtslosen Völkerschaften bewohnt”, das seien “schlitzäugige, grausame Leute” gewesen. Seine Vorurteile entsprachen dabei dem Bild, das Europa zu der Zeit von Asien hatte – und er war fähig, sie abzubauen und zu lernen, was eine Bereicherung seiner Arbeit darstellte.

Auch wie Hergé mit Krisen umging, wird berichtet, etwa als er in den 1950er Jahren so vom Stress übermannt wurde, dass er Alpträume von großen, weißen Flächen hatte und ihm ein Arzt schon riet, er solle das Comic-Zeichnen aufgeben. Er tat es nicht, sondern wandelte seine Alpträume in ein beeindruckendes Werk um: “Tim in Tibet”. So wird jedes Album gewürdigt, bis hin zur “Alpha-Kunst”, das leider unvollendet blieb und nur als Sammlung von Skizzen veröffentlicht wurde, da Hergé in seinem Testament verfügt hatte, dass nach seinem Tod niemand Tims Abenteuer fortführen sollte. Der Beliebtheit der Figur hat das keinen Abbruch getan, eher im Gegenteil, die Qualität blieb dadurch erhalten und wurde nicht von völlig anderen Vorstellungen eventueller “Nachfolger” verwässert. Schade ist es nur, denn der Tod des Zeichers lässt Tim in einer sehr prekären Situation zurück und wir erfahren nicht, ob und wie er dieser entkommt.

Wer also – so wie ich – die Tim-und-Struppi-Alben immer wieder gern zur Hand nimmt, dem sei dieses Buch empfohlen, es hilft einem, die Geschichten noch einmal mit völlig anderen Augen zu sehen.

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