Sonntag, 16. Oktober 2011

Tim und Struppi: Tim in Tibet [Rezension]



1958 war kein gutes Jahr für Hergé. Eingespannt durch die Arbeit an den Abenteuern von Tim litt seine Ehe. Der Zeichner musste schließlich erkennen, dass die Liebe erloschen war, was ihn in eine tiefe Krise stürzte. In Albträumen fand er sich in einer Welt wieder, in der alles weiß war – weiß wie ein unbeschriebener Bogen Papier. Er zog einen Psychologen zu Rate, der ihm auf den Kopf zu sagte, dass er nie wieder eine Geschichte beenden würde und es besser wäre, das Zeichnen ganz aufzugeben. Hergé jedoch tat, was die moderne Psychoanalyse als “Konfrontationstherapie” bezeichnet: Er verarbeitete alles – die weißen Flächen, seine Krise und den Rat, einfach aufzugeben – in einem neuen Tim-Abenteuer.

Inhalt: Tim, Haddock und Bienlein machen Urlaub in den Alpen, als ein Brief von Tschang Tschong-Jen (aus “Der blaue Lotos”) kommt. Er kommt nach London, will aber vorher Tim noch einen Besuch abstatten. Unglücklicherweise stürzt seine Maschine in den Bergen von Tibet ab. Laut Zeitungsberichten hat kein Passagier überlebt, doch aufgrund eines Traumes, den er hat, ist Tim davon überzeugt, dass Tschang noch lebt. Gegen alle Widrigkeiten und den ewig nörgelnden Kapitän Haddock macht sich der Reporter auf zur Absturzstelle in den Bergen, um seinen Freund zu retten.

Kritik: “Tim in Tibet” zeigt eine neue Nuance auf, denn in dieser Geschichte gibt es keinen Bösewicht oder eine große Bedrohung. Es geht um innere Werte wie Freundschaft und was man für eine Freundschaft bereit ist, auf sich zu nehmen. Tim ist bereit, sehr viel auf sich zu nehmen. Immer wieder ist er bereit, allein aufzubrechen, aber jedes Mal kommt Haddock – entgegen seiner Ansagen – wieder mit. Auch hier ist das Thema “Freundschaft”, denn eigentlich hat Haddock mit Tschang nichts zu schaffen und ist davon überzeugt, dass jener bei dem Absturz ums Leben kam, dennoch lässt er sich in dieses Abenteuer mitziehen.

Auf hervorragende Weise ist es Hergé gelungen, den Lokalkolorit einzufangen, etwa bei dem traditionellen Gruß, bei dem tibetanischen Kloster und nicht zuletzt bei den schneebedeckten Weiten der Berge, die letztlich nichts als eine Reflektion der großen, weißen Flächen sind, die dem Zeichner in seinen Albträumen begegneten. Indem er mit viel Gefühl eine persönliche Situation verarbeitete, hat er eine starke und authentische Geschichte geschaffen, in der ein seltener Moment zu sehen ist: Angesichts der Nachricht, dass Tschang mit dem Flugzeug abgestürzt ist, kommen dem sonst so unerschrockenen Reporter die Tränen.
Durch alle diese Faktoren sticht das Album aus der Reihe heraus wie der Gipfel des Himalaja. Auch so kann man ein Abenteuer erleben, bei dem die Spannung nicht so sehr um die Frage “Wie kommt der Held aus dieser gefährlichen Situation wieder heraus?” geht, sondern um: “Was tut der Held als nächstes? Wie geht es weiter?” Und als Leser ist man geneigt, Tim anzufeuern, wenn er wieder einen Hinweis entdeckt, was Tschang widerfahren sein könnte.

Sehr zum Ausdruck bringt Hergé auch seine Faszination für den tibetanischen Buddhismus, wobei ihm bei der Ausarbeitung die politische Realität in die Quere kam: Der Dalai Lama, das geistige Oberhaupt der Tibetet, gab dem Druck der chinesischen Regierung nach, die das Land 1949 hatte besetzen lassen, und floh im März 1959 nach Indien ins Exil. “Tim in Tibet” wurde im November des gleichen Jahres abgeschlossen. Die persönliche Situation des Zeichners hatte sich bis dahin zum Positiven gewandelt - soweit man eine Scheidung als "positiv" bezeichnen kann.

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