Freitag, 28. Oktober 2011

Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der "Einhorn" - Der Kinofilm [Rezension]

Kinoplakat © 2011 Sony Pictures Releasing GmbH
Lange mussten die Fans von "Tim und Struppi" warten, doch 2011 ist es endlich soweit: Es gibt ein neues Abenteuer. Beziehungsweise, das Abenteuer kennen die Fans ja eigentlich schon, aber das Autorenteam Steven Moffat, Edgar Wright und Joe Cornish versucht, den bekannten Abenteuern neue Seiten abzugewinnen.

Inhalt: Der belgische Reporter Tim entdeckt beim Besuch eines Flohmarktes ein altes Modellschiff, das ihn fasziniert. Es ist die "Einhorn". Kaum hat er es gekauft, als zwei Herren auf ihn einstürmen und ihm das Modell um jeden Preis wieder abkaufen wollen. Doch Tim will nicht verkaufen. Er stellt Recherchen in einer Bibliothek an und findet heraus, dass die "Einhorn" unter ihrem Kapitän Franz von Hadoque gesunken ist. Sie soll eine geheime Fracht mit sich geführt haben. Als er in seine Wohnung zurückkehrt, wurde das Modell gestohlen. Nach einem zweiten Einbruch findet Tim ein Pergament mit einem Rätselvers und kurz darauf wird einer der Männer vom Flohmarkt vor seiner Haustür niedergeschossen. Nachdem Schulze und Schultze sich des Falles annehmen wird der Reporter entführt und an Bord eines Schiffes gebracht. Hier offenbart sich der Drahtzieher hinter den Ereignissen und es kommt zu einer wahrlich "historischen" Begegnung...

Besetzung (in Klammern die deutschen Synchronsprecher):
Tim: Jamie Bell (Nicolas Artajo)
Kapitän Haddock: Andy Serkis (Lutz Schnell)
Iwan Iwanowitsch Sakharin: Daniel Craig (Dietmar Wunder)
Schultze: Simon Pegg (Alexander Doering)
Schulze: Nick Frost (Uwe Büschken)
Aristide Klemm-Halbseid: Toby Jones (Hasso Zorn)
Tom: Mackenzie Crook (Peter Lontzek)
Allan: Daniel Mays (Dennis Schmidt-Foß)
Omar Ben Salaad: Gad Elmaleh (Tayfun Bademsoy)
Barnaby: Joe Starr (Eberhard Haar)

Kritik: Hu. Hm. Ja. Natürlich ist es immer etwas problematisch, einen solchen Film zu machen. Auf der einen Seite gilt es, einer bekannten Geschichte etwas Neues abzugewinnen, um jene Zuschauer zu begeistern, die mit Tim noch nicht vertraut sind. Auf der anderen Seite darf man natürlich nicht zu viel verändern, um die Fans nicht zu verärgern. Was das betrifft, erreicht der Film ein gewisses Maß an Ausgeglichenheit. Trotzdem hinterlässt er ein merkwürdiges Gefühl.

Sehr gut umgesetzt ist die Welt von Tim. Man hat sich dazu entschlossen, die Geschichte nicht in die Gegenwart zu versetzen, sondern sie von der Ausstattung und Optik her irgendwo in die 1950er zu stecken, also zu dem Zeitpunkt, als Tims Schöpfer Hergé auf dem Höhepunkt seines Schaffens war. Vermutlich würden sonst auch Tims Knickerbocker nicht so ganz ins Bild passen. Die Umgebung, die Fahrzeuge, alles entstammt dieser Ära und Tim geht für seine Recherche natürlich nicht ins Internet, sondern in die Bibliothek. Gleich zum Anfang des Films gibt es einen besonderen Moment: Tim, dessen Gesicht der Zuschauer zu dem Zeitpunkt noch nicht gesehen hat, besucht einen Flohmarkt und lässt dort eine Porträtzeichnung von sich anfertigen. Der Mann, der Tim zeichnet, ist kein geringerer als der "Meister" selbst, George Prosper Remi alias "Hergé". Das Bild, das er anfertigt, sieht dann auch genauso aus wie in den Originalcomics. Und an einer Wand sind Zeichnungen von weiteren Figuren aus den Comics ausgestellt, unter anderem von den Brüdern Vogel-Faull - aber dazu gleich mehr.
In Tims Büro hängen Zeitungsausschnitte, die sich auf weitere Abenteuer des Reporters beziehen und dessen vergangene Heldentaten ein wenig beleuchten. Und im Palast von Omar Ben Salaad steht ein Brunnen, dessen zentrale Figur eine Krabbe mit goldenen Scheren ist. Warum dieses Detail besonders ist? Da stecken wir schon mitten in der Betrachtung der Handlung des Films.

Die Geschichte wurde zusammengesetzt aus mehreren Alben. Hauptthema ist natürlich die Geschichte des Comics, der dem Film auch seinen Namen gab: "Das Geheimnis der 'Einhorn'". Außerdem wurden Teile von "Der Schatz Rackhams des Roten" verwendet (der Band, der die Geschichte um die "Einhorn" fortführt) und ein großer Handlungsstrang aus "Die Krabbe mit den goldenen Scheren" verwendet. Die Hauptgeschichte wurde aus dem Doppelband um die "Einhorn" und Rackhams Schatz direkt übernommen. Aber in der "Krabbe" geht es um eine Opiumschmugglerbande, auf deren Spur Tim durch Zufall kommt. Man verwendete Teile aus diesem Album, weil es hier zu der "historischen" ersten Begegnung zwischen Tim und Kapitän Haddock kommt. Verwoben hat man die Handlungen auf einigermaßen raffinierte Weise: Der ganze Anfang des Films mit den Modellschiffen der "Einhorn" und den Einbrüchen stammt aus "Geheimnis der 'Einhorn'". Doch als Tim entführt wird, wird er nicht nach Schloß Mühlenhof gebracht (wie im "Geheimnis"), sondern an Bord des Schiffes Karaboudjan - und schon sind wir im Handlungsteil von der "Krabbe mit den goldenen Scheren". Der oben erwähnte Brunnen im Palast von Omar Ben Salaad ist eine Reminiszens an den Titel dieses Albums.

Denn natürlich wurden auch einige Änderungen vorgenommen, zum Teil sehr drastisch, zum Teil weniger drastisch. Omar Ben Salaad ist beispielsweise der "Bösewicht" in der "Krabbe", der Drahtzieher hinter dem Opiumschmuggel. Da dieser ganze Plot fallengelassen wurde, ist er nur noch ein Nebendarsteller, ein Kunstsammler, der eines der Modelle der "Einhorn" besitzt.
Überhaupt zum Thema "Bösewicht": Die Schurken aus dem Comic "Das Geheimnis der 'Einhorn'" sind die Brüder Vogel-Faull, Antiquitätensammler, die Zufällig auf die Hinweise auf Rackhams Schatz gestoßen sind und danach mit allen Mitteln suchen. Sie sind nicht in den Film übernommen worden, der Drahtzieher der Ereignisse ist stattdessen Iwan Iwanowitsch Sakharin (eine "saure Gurke mit zuckersüßem Namen", wie Haddock sagt). Sakharin ist im Comic wiederum nur eine Nebenfigur, ein Kunstsammler, der eines der Modellschiffe besitzt und Tim das zweite abkaufen möchte. Und im Film ist er ein Nachfahre von Rackham dem Roten. In "Der Schatz Rackhams des Roten" werden Tim und Haddock gleich von mehreren solcher angeblichen Nachfahren belagert, die alle ihren Anteil an dem Schatz fordern. Und wo wir schon von dem Schatz reden: Im Comic handelte es sich um eine kleine Kiste mit Gold und Juwelen, die Rackham selbst an Bord der "Einhorn" bringt, im Film hat die "Einhorn" eine geheime Fracht, die aus mehreren Zentnern Gold und Juwelen besteht.
Ebenfalls und im wahrsten Sinne des Wortes einen Auftritt im Film hat Bianca Castafiore, die "mailänder Nachtigall", obwohl sie weder in der Geschichte um die "Einhorn" noch in der "Krabbe" vorkommt. Ich bin mir leider nicht ganz sicher, aber ich glaube, sie darf tatsächlich die aus den Comics nur zu bekannte "Juwelenarie" aus Gounods Oper "Faust" vortragen ("Ha, welch Glück mich zu seh'n so schön").
Tatsächlich gibt es am Ende des Films auch eine Auflösung (anders als im Comic, wo die Geschichte erst am Ende vom zweiten Band abgeschlossen wird), allerdings wird auch ein Ausblick auf eine Fortsetzung gegeben.

Die Actionszenen des Films sind sehr rasant und teilweise ein bisschen zu viel. Sicher, es handelt sich hier um eine Comicverfilmung, aber so arg hat Hergé in seinen Alben nie aufgedreht. Beispielsweise widerspricht die dargestellte Seeschlacht zwischen der "Einhoren" und einem Piratenschiff jeglichen Gesetzen der Physik: Im Verlauf der Schlacht verhaken die Masten der beiden Schiffe miteinander, weil sie See so rau ist. Die krängende "Einhorn" richtet sich dann wieder auf und zieht das Piratenschiff dabei aus dem Wasser, so dass es über dem Deck der "Einhorn" hängt und schiffschaukelgleich hin und her schwingt.
Realistischer wiederum wurde die Sprengung der "Einhorn" dargestellt, da der Ritter Franz von Hadoque im Comic eine richtige Zündschnur legt, was sehr aufwändig gewesen wäre. Im Film streut er einfach eine Spur aus Schwarzpulver, die er anzündet. Das geht wesentlich schneller und funktioniert auch.
Der Höhepunkt, eine Verfolgungsjagd in den Straßen der Stadt Bagghar, ist allerdings mit Action sehr überfrachtet und erinnert - ob nun gewollt oder nicht - sehr stark an Indiana Jones. Da Spielberg aber noch eine andere Hommage an eines seiner Werke untergebracht hat, könnte dies durchaus Absicht sein. Das andere Werk ist übrigens "Der weiße Hai": Tim taucht in einer Szene an ein Wasserflugzeug heran. Dabei bleibt er mit dem Kopf so knapp unter der Wasseroberfläche, dass seine Tolle gleich einer Haifischflosse aus dem Wasser ragt.

Die deutsche Fassung wartet mit soliden Synchronsprechern auf. Tatsächlich war man bemüht, die Sprecher der Schauspieler zu verwenden, die das Original sprechen / darstellen, was vor allem an Dietmar Wunder für Daniel Craig auffällt. Leider ist dessen Stimme so markant, dass man schon weiß, wer Rackham der Rote sein soll, bevor jener das Tuch fallen lässt, das sein Gesicht bedeckt. Für Andy Serkis als Kapitän Haddock wurde Lutz Schnell genommen, weil dieser Serkis schon in anderen Filmen gesprochen hat (unter anderem "30 über Nacht"), und damit wurde für einen netten Insidergag gesorgt. Lutz Schnell sprach in den 1980er Jahren in den Tim-und-Struppi-Hörspielen von Maritim und in der deutschen Version der Zeichentrick-Serie den Tim (Ausschnitt vom Hörspiel hier, Zeichentrick hier, die Episode ist "Die Krabbe mit den goldenen Scheren").

In einem Punkt führte die Werktreue allerdings zu einem kleinen Fehler: das Wasserflugzeug, das Tim und Haddock angreift, wurde getreu aus "Die Krabbe mit den goldenen Scheren" übernommen. Tim stellt im Film fest, dass das Flugzeug eine "portugiesische Kennung" habe und fragt Haddock, unter welcher Flagge die Karaboudjan fährt - im Film wurde das Flugzeug von dem Schiff aus gestartet. Allerdings kann man sehr deutlich sehen, dass die Kennung des Flugzeugs - wie im Comic - mit "CN" anfängt, und das ist die Kennung von Marokko.
Außerdem ist mir nicht ganz klar, was in der Filmvorschau gesagt wurde, dass der Schatz an Bord der "Einhorn" den Lauf der Geschichte hätte ändern können, wenn das Schiff nicht gesunken wäre. Die Aussage wird in einem der Trailer getroffen, im Film selbst wird darauf aber nicht eingegangen. Dort ist der Schatz einfach nur ein "riesiger Schatz".

Der Film kommt natürlich in 3D, was ein netter Effekt ist, aber aus meiner Sicht nicht mehr. Das Problem, das ich hatte, ist, dass bei den Actionszenen zu viel auf der Leinwand los war. Ich musste mich durch ein Gewirr durchkämpfen um zu erkennen, wo gerade die "Hauptaction" stattfand. Und natürlich gab es die üblichen 3D-Standardszenen, in denen Gegenstände direkt aus der Leinwand herausragen und auf den Zuschauer zeigen. In einer Szene streckt Sakharin beispielsweise seinen Stock direkt in die Kamera. Offenbar muss das so sein bei 3D-Filmen.

Und jetzt - ist der Film empfehlenswert oder nicht? Hm. Nun. Ja, er ist empfehlenswert, denn er ist ein gutes Stück Kurzweil. Leider kommt nicht so ganz zum Tragen, was Tim für mich zum Held meiner Kindheit gemacht hat, dass er sich für die Schwachen und Wehrlosen einsetzt. Aber das ist zum Teil auch der Vorlage geschuldet, in der das auch nicht vorkommt. Um den Film genießen zu können, muss man bereit sein, die Vorlage hinter sich zu lassen und ein fast "neues" Tim-Abenteuer zu erleben. Dann verbringt man einen angenehmen Kinoabend. Wer Purist ist, was Tim und Struppi betrifft, der sollte sich von dem Film allerdings fernhalten. Vor allen Dingen das Verändern von Nebenfiguren zu Hauptfiguren dürfte solche Menschen arg stören.

Ich bin schon gespannt auf die Fortsetzung, von der ich hoffe, dass sie kommt. Wenn ich raten müsste, würde ich behaupten, man wird die Alben "Der Schatz Rackhams des Roten" (keine Überraschung) und "Der geheimnisvolle Stern" irgendwie miteinander verarbeiten. Na, mal sehen...


Und das sagen andere zu dem Film:


Während die Figuren in Hergés Comic trotz ihrer Zweidimensionalität für den Leser rasch menschliche Qualitäten anzunehmen scheinen und diesem – wie Spielberg sagt – „ans Herz wachsen“, bleibt es selbst dem gutwilligen Betrachter verwehrt, auch nur einen Hauch von Empathie für deren dreidimensionale Replikanten zu entwickeln. Je menschenähnlicher diese aussehen, umso grotesker wirken sie. 
Sascha Lenharts, "Welt Online"

Und auch Tim reift dank der Darstellung durch einen echten Menschen (Jamie Bell). Der rasende Reporter ist hier näher dran am nachdenklichen Tim der späten Hergé-Werke aus den Jahren nach 1945 als am naiven etwas bedenkenlosen journalistischen Streber der frühen Bände.
Matthias Heine, "Welt Online"

Doch wenn der Meistererzähler Spielberg dem Meistererzähler Hergé die Pointen wegstreicht, bleibt von beider Meisterschaft wenig übrig. Nur einer von ihnen ist daran schuldlos.
Andreas Platthaus, "Frankfurter Allgemeine"

Sein Werk riecht ver- bzw. zerkonstruiert. Vor allem in den erzählenden Momenten, Motiven. Da hakt das Interesse, die spannende Anteilnahme beträchtlich. Weil auch ziemlich humorfrei. Ohne zündende Ironie. Faktisch sachlich. Während die optische, die visuelle Performance in den gigantischen Verfolgungsszenen brillant ist. Faszinierend.
Hans-Ulrich Pönack, "Deutschlandradio Kultur"

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