Sonntag, 5. Februar 2012

"Ziemlich beste Freunde" - Kino-Rezension

Nach längerer Zeit habe ich es endlich mal wieder ins Kino geschafft. Die Zeit ohne Kinobesuch war vor allem zwei Dingen geschuldet, zum einen meinem Termindruck, zum anderen aber auch dem Umstand, dass kaum ein Film lief, der mich zum Anschauen animiert hätte. Von dem Film, über den ich heute schreibe, hat man mir die Vorschau per Mail geschickt, und die hat mich überzeugt, "Ziemlich beste Freunde" doch mal anzuschauen.



"Ziemlich beste Freunde" - Plakat (c) by Senator Film
In dem Film geht es um den arbeitslosen Ex-Sträfling Driss (Omar Sy) und seine Beziehung zu dem reichen Erben Philippe. Der Zufall führt die beiden Zusammen, Driss braucht drei Job-Absagen, damit er Arbeitslosengeld erhält, also nimmt er wahllos an Vorstellungsgesprächen teil. Eines der Gespräche findet im Haus von Philippe statt, der einen Pfleger sucht. Philippe ist vom Hals an abwärts gelähmt und braucht Hilfe. Die großspurige, selbstüberzeugte Art von Driss erregt seine Aufmerksamkeit, und statt der gewünschten Absage hat der Ex-Sträfling auf einmal einen Job. Die beiden können fast unterschiedlicher nicht sein, Philippe liebt die klassischen Künste, gerade was Musik betrifft; Driss steht mehr auf das Moderne. Doch die beiden lernen sehr viel von einander und entwickeln sich so weiter, in der gleichen Weise, wie eine großartige Freundschaft ensteht.







Der Film hat mich sehr beeindruckt. Ehrlich gesagt gefällt mir nicht, dass laut den Angaben einiger Filmwebseiten der Erfolg von "Intouchables", wie der Film im Original heißt, schon dafür gesorgt hat, dass er in verschiedene Länder als "Remake" verkauft wurde. Der Film ist nämlich gut, so wie er ist. Die Geschichte könnte ein paar Fallstricke bereithalten, aber den Autoren Eric Toledano und Olivier Nakache gelingt es elegant, diese zu umgehen. Der Film kommt gänzlich ohne übergroßes Drama aus und wirkt dadurch besonders. Das Drama, das hinter den Lebensgeschichten der beiden Hauptfiguren steht, der eine durch einen Unfall querschnittsgelähmt, der andere durch seine Herkunft zur sozialen Randgruppe gehörend, reicht völlig aus. Das Verhältnis der beiden Männer wird mit viel schwarzem Humor erzählt und ein Zitat von Philippe bringt eine der Botschaften des Films auf den Punkt: Als ein Freund ihm von Driss' Strafregister erzählt und meint, "solche" Typen kennen kein Mitleid, erwidert Philippe: "Das ist genau das, was ich will. Kein Mitleid!" Aber den Autoren gelingt es wunderbar, ihre Botschaften dezent in den Film einzuarbeiten, ohne die Moralkeule zu schwingen. Wo andere Filme zwei Gegensätze darstellen und es darauf hinausläuft, dass sich jemand für eine Seite entscheiden muss, sieht man hier, wie die beiden Männer von einander lernen und sich ihre Leben dadurch ändern. Driss bekommt einen Einblick in die Welt der Kunst, dafür bekommt Philippe das wahre Leben mit.

Der Film sagt sehr viel mehr dadurch aus, dass er sehr viel weglässt. Nicht jeder Handlungsstrang wird bis zum Ende ausgewalzt und aufgelöst, ja selbst das Ende des Films ist irgendwie offen. Nicht in der Art offen, dass man auf eine Fortsetzung warten muss, sondern so, dass das eigene Nachdenken angeregt wird. Und dort, wo Nebenhandlungen abgeschlossen werden, erfährt man nicht immer, wie genau das geschieht. Als beispielsweise Driss' Cousin sich mit den falschen Leuten einlässt und von der Polizei verhaftet wird, hält Driss ihm eine Standpauke. In der nächsten Szene sieht man Driss, wie er sich mit den Leuten unterhält, die seinen Cousin in diese Lage gebracht haben, aber man hört nicht, was er sagt, um dafür zu sorgen, dass sie seinen Cousin in Zukunft in Ruhe lassen.

Solche Szenen sind die Fallstricke, von denen ich oben sprach. Man hätte hier wesentlich mehr Drama einbauen können oder eben Driss' Rede hörbar machen können, aber das wäre zu viel gewesen. Oder der Umstand, dass Driss am Tag des Vorstellungsgesprächs aus Philippes Haus ein Fabergé-Ei stiehlt, eine Geschichte, die wunderbar undramatisch und passend aufgelöst wird. Stattdessen hätte man hier auch noch ein großes Drama hinzufügen können, dass einer von Philippes misstrauischen Verwandten Driss die Polizei auf den Hals hetzt. Ehrlich gesagt sehe ich die Gefahr, dass solche Handlungen im Drehbuch landen, wenn der Film als Remake für die USA bearbeitet wird.

Anhand der Geschichte mit dem Fabergé-Ei kann man sehr schön Driss' Wandlung sehen, er stiehlt es nämlich, um es seiner Mutter zu schenken. Beide, weder seine Mutter noch er erkennen, was für einen Wertgegenstand sie da vor sich haben. Am Ende des Films jedoch sehen wir Driss, wie er sein bei Philippe neu erworbenes Wissen anwendet, um etwas aus seinem Leben zu machen.

Der ganze Film lebt von seiner Ruhe und davon, dass gewisse Sachen nicht ausgesprochen werden. Nicht einmal der Titel des Films, weder der Deutsche noch der Französische, kommt irgendwann im Film vor. So bleibt es dem Zuschauer überlassen, darüber nachzudenken, was es mit "Ziemlich beste Freunde" auf sich hat.

Bleibt noch die Musik zu erwähnen. Neben verschieden bekannten Pop-, Rock- und Klassikstücken hat Ludovico Einaudi eine Filmmusik komponiert, die sich dem Film ganz anpasst, genauso unaufdringlich ist, aber gerade deswegen wirkt. Besonders das Klavierstück kommt sehr zur Geltung. In manchen Szenen ist es das einzige, das man hört, und das berührt umso mehr.


Der Film läuft derzeit in den Kinos und ich kann nur dringend empfehlen, ihn sich anzuschauen. Die Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht, wird mit sehr viel Humor und mit sehr viel Offenheit erzählt. Da es um ein Tabuthema geht, stimmt "Ziemlich beste Freunde" aber auch sehr nachdenklich - und den Raum zum Nachdenken lässt einem der Film, indem er nicht alles bis zum Ende erklärt. Damit sticht er aus der Masse der Filme heraus. Und das macht ihn sehenswert.





Ziemlich beste Freunde (Intouchables)

Frankreich 2011



Hier noch der Trailer. Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass dieser Trailer zwar sehr gute Szenen aus dem Film zeigt, der Rest aber genauso gut ist!



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