Mittwoch, 23. März 2011

Lesenswerte Links: BILDblog

Ich wollte an dieser Stelle meine ganz persönlichen Leseempfehlungen im Internet vorstellen, nachdem der Dienst RIVVA... nun ja, den Dienst eingestellt hat. Den Auftakt bildet das "BildBlog", und das hat einen guten Grund.

Als Kind der 1970er und 80er Jahre bin ich mit den Werken von Günter Wallraff aufgewachsen. Der Mann ist eigentlich Journalist und entschloss sich 1977 für eine ungewöhnliche Art der Recherche, nämlich "undercover" für ein Buch zu ermitteln. Sein Ziel: die Redaktion der "BILD", Deutschlands größter Tageszeitung. Zu dem Zeitpunkt kolportierte man immer wieder mal, dass man der Zeitung ja sowieso nicht glauben könne und sie nur auf sensationelle Aufmacher aus sei. Allerdings gab es noch keinen Bericht "von innen" - war das, was man der Zeitung vorwarf, einfach nur schlampige Recherche, oder steckte da ein System dahinter? Wallraff ging unter dem Tarnnamen "Hans Esser" als Journalist in die Redaktion der "BILD" und berichtete in "Der Aufmacher: Der Mann, der bei Bild 'Hans Esser' war" über seine Erfahrungen. Dem Aufmacher folgten noch weitere Bücher, wobei Wallraff mittlerweile nicht mehr selbst in die Redaktionen kam, da man ihn kannte und besonders wachsam war. Insider spielten ihm immer neue Unglaublichkeiten zu, die er in "Zeugen der Anklage - Die 'Bild'-Beschreibung wird fortgesetzt" und "Das BILD-Handbuch" veröffentlichte. Mit dem letzten Buch entlässt Wallraff seine Leser sozusagen in die eigene Verantwortung, wie sie zukünftig mit dem Blatt umgehen. Geändert hat sich indessen nicht viel.



Erst 2004, also 23 Jahre nach dem Erscheinen des "BILD-Handbuchs" nahmen sich die Journalisten Stefan Niggemeier und Christoph Schultheiß diesem Anliegen wieder an. Es störte sie, dass man die Zeitung als "Quatschblatt" verharmloste, die man ja sowieso nicht Ernst nehme, obwohl es genügend Leser gab (und bis zum Zeitpunkt dieses Artikels auch noch gibt), die jedes gedruckte Wort glaubten. Die ihr Weltbild aus den riesigen Schlagzeilen zogen. Dagegen wollten Niggemeier und Schultheiß etwas tun. Sie recherchierten den "BILD"-Geschichten hinterher und begannen, den wahren Hintergrund zu veröffentlichen. Und das taten sie mit Erfolg, denn bald mussten sie für ihre Webseite eine eigene Firma gründen, die 2007 sogar einen eigenen Werbespot bekam.



Christoph Maria Herbst und Anke Engelke verzichteten dabei auf ihre Gage, ebenso wie Regisseur Tobi Baumann. Es ging ihnen nur um das Engagement für die Sache.

Seit 2009 hat sich das BILDblog "geöffnet". Das heißt, es geht längst nicht mehr nur um die BILD, es geht um die Medien in Deutschland generell. Man muss mit erschrecken feststellen, dass deren Qualität im Allgemeinen sehr abgenommen hat, und die Artikel im BILDblog belegen dies Tag um Tag. Da werden ganze Artikel einfach abgeschrieben oder eine sensationelle Meldung aus einem anderen Medium übernommen, ohne deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen (ironischerweise ist diese Ursprungsquelle oftmals die BILD, aber statt dass die Journalisten gerade da besonders wachsam sind, sind sie eher bereit, einfach zu glauben, was da geschrieben steht). Ja, teilweise wenden auch andere Medien Methoden an, die noch bei Wallraff explizit als "BILD-Methoden" beschrieben werden.

Die alles zusammen hat dazu geführt, dass das BILDblog für mich eine Pflichtlektüre ist. Ich habe weder die Möglichkeiten noch die Zeit, bestimmten Artikeln nachzurecherchieren, ob sie denn stimmen. Oft erlebe ich aber eine Situation, dass mich jemand anspricht mit: "Hast Du gelesen, in der Zeitung steht dies und das...", und ich das Gefühl habe, dass da was nicht stimmt. Mit dem BILDblog kann ich das in vielen Fällen überprüfen und kann so versuchen, den Kollegen oder Freunden zu erklären, wie sich die Geschichte nun wirklich abgespielt hat. Und genau das ist das, was Günter Wallraff im Vorwort vom "BILD-Handbuch" ansprach - jeder ist gefordert. Vor allem, da die so genannten "alten Medien" immer wieder betonen, wie seriös sie doch seien, zum Beispiel gegenüber dem Teufelswerk Internet. Gleichzeitig wird auch die perfide Meinungsmache vieler Medien aufgedeckt, die behaupten, sie wären so neutral und unabhängig.

Kurz: Erziehung zum eigenständigen Denken und Zweifeln. Deswegen lese ich das BILDblog und kann es nur weiterempfehlen. Man findet es hier:

www.bildblog.de



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