Samstag, 5. März 2011

Die andere Seite von Fasnet, Fasching, Fastnacht, Karneval...

"Mensch, mit 5 Promille fang ich erst an zu leben!"
- Aussage eines Patienten über seinen Alkoholkonsum

Vielleicht liest der geneigte Leser den obigen Satz und denkt sich: "Ist das ein Scherz?" Nein, ist es nicht. Es ist die traurige Verklärung eines Problems zu einem Lebensinhalt. Etwas, das sich in der Zeit, in der ich im Rettungsdienst arbeite, stark gewandelt hat. Ich erinnere mich noch genau, als ich damals den Rettungshelfer machte und man uns etwas über die "Alkoholvergiftung" beibrachte. Bei wieviel Promille Menschen nicht mehr Zurechnungsfähig sind oder absolut nicht mehr Auto fahren können. Damals hieß es dann noch, dass jeder Wert über 2 Promille lebensgefährlich sei und das man sowas fast nie zu Gesicht bekäme. Außerdem würde man davon ausgehen, dass Menschen mit Werten von über 2,5 Promille mit ziemlicher Sicherheit sterben. Ich habe noch die Worte vom Dozenten im Ohr: "Das überlebt keiner!"

Ob es damals ein paar dieser Fälle gegeben hat, dass ein Patient diese Promillewerte nicht überlebt hat, kann ich nicht sagen. Ich weiß aber eins: Diese Grenze hat sich nicht so in ihrer Absolutheit bewahrheitet. Die Patienten, die ich mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus brachte, wurden immer jünger (mein trauriger "Rekord": 12 Jahre - er wollte seine Freundin beeindrucken, indem er versuchte, eine Flasche Tequila auszutrinken; bei etwas mehr als der Hälfte des Inhalts war Schluss) und die Promillezahlen immer höher. Ich weiß noch, wie erstaunt ich war, als ich zum ersten Mal einen Wert mit einer "3" vorne dran hörte, doch auch das hat sich mittlerweile geändert.

Man erinnere sich beispielsweise an den Fall eines 16jährigen Jugendlichen aus dem Kreis Waldshut-Tiengen im Mai 2008. Dieser war auf einer privaten Party, bei der es auch Hochprozentiges zu trinken gab. Als er so betrunken war, dass er bereits bewusstseinsgetrübt war, machten sich seine Kumpels einen Spaß daraus, ihm noch mehr Alkohol einzuflößen. Als er gar nicht mehr reagierte, rief man den Rettungsdienst. Der komatöse Jugendliche wurde ins Krankenhaus gebracht – und dort wurde ein Blutalkoholwert von 6,2 Promille festgestellt.  Zur Erinnerung: Im März 2007 starb ein 16jähriger aus Berlin an einer Alkoholvergiftung – und hatte “nur” 4,8 Promille. Der Jugendliche aus Waldshut-Tiengen landete schließlich in der Uniklinik Freiburg, die er ein paar Tage später wieder verlassen durfte. Die Polizei ermittelte gegen seine Freunde wegen gefährlicher Körperverletzung, da sie ihm den Alkohol noch eingeflößt hatten, als er schon bewusstseinseingetrübt war. Und ja, jemanden mit Gewalt dazu bringen, Alkohol zu trinken, ist eine Straftat.


Unabhängig von diesem Fall habe ich mir schon mehrfach die Frage gestellt, wieso Menschen – egal welchen Alters – sich so sehr betrinken, dass sie bewusstlos werden. Gerade zur momentanen Fasnets-, Faschings-, Fastnachts- oder Karnevalszeit ist das Thema wieder hochaktuell. Ist das ein besonderes Zeichen von Männlichkeit? Nicht wirklich, denn ich habe auch schon Frauen in dem Zustand ins Krankenhaus gebracht. Also ein Zeichen von “cool sein”? Von “stark sein”? “Dabei sein”? "Lustig sein"? “Toll sein”? Wenn eines dieser Kriterien der Fall sein sollte, dann sollen sich alle, die sich gerne mal an Fasnet oder am Wochenende (oder wahlweise auch unter der Woche) die Birne so zuknallen, dass sie nicht mehr aufwachen, folgendes merken:

Wenn Ihr so zugedröhnt seid, dass Ihr beim Rettungsdienst auf der Trage liegt, dann ist von “cool sein” nicht mehr viel übrig. Dann seid Ihr nur noch ein Häufchen Elend, das im eigenen Erbrochenen und im eigenen Urin liegt. Ihr kriegt das in dem Moment vielleicht nicht mehr mit, aber dafür jeder andere. Und Ihr merkt die Folgen am nächsten Tag. Falls Ihr überhaupt wieder aufwacht. Denn an so einem Rausch kann man auch ganz einfach sterben. Sicher, wir vom Rettungsdienst tun unser Mögliches, dass das nicht passiert, aber wir können auch nicht Wunder wirken. Der Jugendliche aus Waldshut-Tiengen hat Glück gehabt. Er kann einen zweiten Geburtstag feiern (hoffentlich ohne Alkohol). Aber so viel Glück hat nun mal nicht jeder. Versucht, das mal im Hinterkopf zu halten. Ansonsten kann es sein, dass wir uns bald persönlich begegnen. Und glaubt mir, das wollt Ihr nicht, nicht unter diesen Umständen.

In Rettungsdienstkreisen sind die Nachtdienste um die Fasnet herum nicht sonderlich beliebt, genau aus diesen Gründen. Und bedenkt einmal eins: Wer sich ins Koma säuft, blockiert ein Rettungsmittel, das vielleicht noch anderswo gebraucht würde. Denn der Patient, der einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall bekommt, kann sich das nicht aussuchen - Komasaufen aber kann man einfach... bleiben lassen. Und nicht zuletzt legt man mit solchen Exzessen den Grundstein für eine Abhängigkeit. Nach wie vor gilt, dass extrem hohe Blutalkoholwerte nicht zustande kommen, weil man "mal" ein "bisschen mehr" trinkt. Da muss man schon "mehr dafür tun".

Also, tut meinen Kollegen und mir (und auch Euch!) den Gefallen und bleibt innerhalb Eurer Grenzen. Denn Fasnet im Krankenhaus zu verbringen ist nicht so lustig.

Ja ja, der Alkohol, ja ja, der Alkohol
Ist ein Dämon, der uns’re Sinne trübt.
Doch er ist sehr beliebt
Weil es nichts schön’res gibt
Als wenn man b’soffen wie ein Häusltschick* nicht weiß
Wo man ist und wie man heißt.
(aus EAV: “Ja Ja, der Alkohol” von der CD “Im Himmel ist die Hölle los”)

* “b’soffen wiar a Häusltschik” = österreichischer Begriff für “sternhagelvoll”. Ein “Häusltschick” ist wörtlich ins Hochdeutsch übertragen ein “Zigarettenstummel in einer Toilette”. Unsere Nachbarn haben ein Talent dafür, Tatsachen gnadenlos deutlich darzustellen.

Quelle für den Fall des 16jährigen Jugendlichen: Südkurier

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